GESICHTSCHMERZ
primärer
(idiopathischer, essentieller) und
sekundärer
(symptomatischer) Gesichtschmerz
Üblicherweise (nach Duden) wird das Wort Gesich tsschmerz mit 2 s geschrieben. Nicht wenige benutzen aber die Schreibweise mit einem s (Gesichtschmerz).
Ein Gesichtschmerz tritt in zwei Formen auf:
Primärer Gesichtschmerz
(auch als idiopathischer oder essentieller bezeichnet:
Dieser Begriff beschreibt einen Gesich
tschmerz, der nicht als Symptom auf eine
organische Grundkrankheit zurückzuführen ist und deshalb auch nicht kausal
(= ursächlich)
behandelt werden kann. Die Diagnose "primärer Gesichtschmerz" ist erst
dann definitiv, wenn alle möglichen Ursachen durch Untersuchungen ausgeschlossen
wurden. Dies bedeutet, daß zum Ausschluß möglicher Grundkrankheiten verschiedene
Fachbereiche an der Diagnosestellung beteiligt sein müssen.
Chronischer
sekundärer oder
sym ptomatischer Gesichtschmerz:
Dieser Begriff
bezeichnet einen Gesich
t
schmerz, der als Symptom (=
Krankheitszeichen)
auf eine faßbare organische
Grundkrankheit zurückzuführen ist.
Idiopath
ische
Trigeminusneuralgie:
Vom Prinzip her könnte bei
diesem
Gesich
tschmerz der Zusatzbegriff "id
iopathischer"
(= ohne erkennbare Ursache)
entfallen, da alleine die Zuordnung zum "primärer
Gesich
tschmerz" eine fehlende
oder zumindest uneinheitliche Ätiologie
(= Krankheitsursache)
dokumentiert.
Das charakteristische Schmerzbild ist gekennzeichnet durch
anfallsartige
Schmerzattacke
n mit maximaler Stärke und überwiegend kurzer Dauer
(Sekunden). Der
Schmerz
bereich deckt sich mit dem Ausbreitungsgebiet des
betroffenen
Nerven
astes.
Ein
Schmerzanfall kann auch durch physiologische, taktile
(= den Tastsinn
betreffende),
thermische oder propriozeptive (= den
Eigenreflex betreffende)
Reize ausgelöst werden. Häufige Triggermechanismen
(= Auslösemechanismen)
sind Kauen, Sprechen oder bestimmte Gesichtsbewegungen, die
Berührung
bestimmter
Hautareale, die Einwirkung von Wasser oder generell Kälteexposition. Meistens
sind Triggerpunkte bzw. Triggerzonen identifizierbar. In der Regel treten die
Schmerzattacken streng einseitig auf (5% beidseitig) und überwiegend im 2. und 3. Ast
(ca. 4% 1. Ast) (Thoden 1987). Die Beschwerden treten oft periodisch auf,
schmerzfreie Intervalle sind häufig. Manchmal gehen die Attacken bei diesem
Gesich
tschmerz
auch in äußerst schmerzhafte längere Salven über.
Bei
stärksten Schmerza ttacken
treten Zuckungen der Gesichtsmuskulatur hinzu (Tic doulou reux).
Im Anfall ist die betroffene Gesichtspartie meist leicht gerötet, bedingt durch
den
Schmerz kann Tränensekretion ausgelöst werden, was dann oft zur Verwechslung
mit der
Bing-Horton-Neuralgie
(Clusterkopfschmerz)
führt, besonders wenn der 1.
Ast betroffen ist. Im Unterschied zum
Bing-Horton-Kopfschmerz
(auch als
Erythroprosopalgie
bezeichnet) treten die
Attacken meist nur am Tage auf.
Bei der körperlichen Untersuchung sind die
zugehörigen Nervenaustrittspunkte oft druckschmerzhaft (bei ca. 60%). Das
weibliche Geschlecht und Patienten jenseits des 40. Lebensjahres erkranken
häufiger.
Diagnostik: Ausführliche Anamneseerhebung
(Schmerzanamnese)
(= Vorgeschichte),
neurologische Untersuchung, bei unklaren Befunden (z.B. neurologische Defizite)
zusätzlich Röntgenaufnahme der Schädelbasis und CT, u.U. auch
Kernspintomographie sowie Liquordiagnostik
(= Hirnwasseruntersuchung).
Medikamentöse
Schmerzbehandlung der
Trigeminus-Neuralgie:
Als
(kostenorientiertes) Mittel der
Wahl gilt Carbamazepin (z.B. Tegretal®,Timonil®). Die Dosierung soll langsam
einschleichend erfolgen (600 bis 1500 mg). Carbamazepin darf nicht abrupt
abgesetzt werden, sondern langsam ausschleichend über mindestens 10 Tage. Allzu
schnelle Dosisreduktion oder abruptes Absetzen führen meist zu heftigsten
Schmerzattacken. Bei ungenügender Wirkung von Carbamazepin können 300-400 mg
Phenytoin (z.B. Zentropil®),
Lamotrigin (Lamictal®) oder 3-8 mg Clonazepam (z.B. Rivotril®) versucht
werden.
Gute bis sehr gute Resultate sahen wir unter einer Therapie mit Gabapentin
(z.B. Neurontin®), gleiches gilt für
Pregabalin (Lyrica®), allerdings sind diese Mittel deutlich
teurer.
Alternativ, oder in
Kombination zur Einsparung von Antikonvulsiva, kann auch das zentral wirksame
Muskelrelaxans Baclofen (z.B. Lioresal®)
(= im Gehirn / Rückenmark wirkendes Mittel zur
Muskelentspannung)
versucht werden. Die Dosierung erfolgt einschleichend, z.B. Beginn mit 3x5 mg/d.
In Kombination mit Antikonvulsiva sollte eine Tagesdosis von 90mg nicht
überschritten werden (Steardo et al. 1984). Die Höchstdosierung gibt der
Hersteller allerdings mit nur 75 mg an.
In der Regel sind bei diesem
Gesich
tschmerz
peripher wirksame
Analgetika
(=
Schmerzmittel)
ohne Nutzen, zentral wirksame allenfalls in hoher Dosierung (Gefahr einer Abhängigkeit). Hin und wieder
sahen wir einen schmerzlindernden Effekt bei der Gabe eines Gemisches aus
Uridin- und Dinatriumsalzen (Keltican®). Dosierung: 2mal tgl. 1-2 Kps.
zusätzlich 2mal wöchentlich eine i.m.-Injektion.
Bei stärksten
Schmerzanfälle
n
mit statusähnlichem Charakter hat sich die Verabreichung von Phenytoin
(z.B. Epanutin®) als Kurzinfusion bewährt.
Zur Schmerztherapie hat sich
bei diesem
Gesicht
s
schmerz
(primärer)
auch die
therapeutischen
Lokalanästhesie
(=
Behandlung mit einem
örtlichen Betäubungsmittel
bzw.
Lokalanästhetika)
(Leser et Hefermann 1989) bewährt. Dabei werden je nach
individueller Wirkzeit 2-3 x täglich die betroffenen Gesichtsnerven an ihren
Austrittspunkten (Foramen supraorbitale, infraorbitale oder mentale) mit ca. 1
ml
Bupivacain 0,5% (z.B.
Carbostesin®) blockiert und die im Anfall dominanten
Schmerzareale und Triggerzonen flächenhaft mit ca. 2-3 ml Bupivacain
infiltriert.
Eine Leitungsanästhesie (Leitungsblockade) der Ner ven maxillaris und mandibularis kann
durch die Incisura mandibulae
(= Einschnitt im
Unterkiefer,
nahe am
Kiefergelenk)
hindurch mit jeweils ca. 2-3 ml Bupivacain
(0,5%) erfolgen. Unter dieser konsequenten, täglichen Therapie kann dann eine
bestehende Carbamazepin- Medikation langsam ausschleichend reduziert werden,
ohne daß heftige
Schmerzanfälle auftreten.
Neurochirurgische Interventionsmöglichkeiten bei Trigeminusneuralg ie:
Diese sollten bei
diesem
Gesichtschmerz (primärer) nur dann zum Einsatz kommen, wenn medikamentöse
Behandlungsversuche erfolglos bleiben. Nachteil der Elektrokoagulation
(= elektrische „Verkochung“)
des Gangl ion
Gasseri ist die
relativ hohe Rezidivquote (=
Rückfallrate).
Eine gefürchtete Komplikation ist eine
Nervenläsion
(= Funktionsstörung)
des ophthalmicus (bis hin zur Erblindung). Durch Thermo- oder
Kryokoagulation des Gangl ion
Gasseri treten insgesamt deutlich weniger
Nebenwirkungen auf. Schmerzrezidive werden allerdings auch bei dieser Methode
mit 5-20 % angegeben (Siegfried 1977).
Retroganglionäre
Wurzeldurchtrennungen, Traktotomie oder Thalamotomie werden heute kaum mehr
durchgeführt (Moebius et al. 1989). Obsolet
(= veraltet)
sind Exhairese (= herausziehen)
oder Alkoholinjektionen peripherer Trigeminusäste (Diener et al. 1994).
Insgesamt gesehen hat sich in den letzten Jahren eine zunehmende Zurückhaltung
bei der Indikationsstellung zur operativen Behandlung durchgesetzt (Ausnahme:
Operation nach Janetta). Nichtmedikamentöse Therapiemaßnahmen haben
sich bei diesem Beschwerdebild nicht oder nur ungenügend bewährt.
Chronischer atypischer
Gesichtschmerz
(essentieller):
Dieser Begriff bezeichnet einen
Gesich
tschmerz, der zwar vorwiegend im Bereich des Trigeminus, jedoch nicht
streng paroxysmal (= anfallsartig)
auftritt. Die Schmerzregion ist in der Regel nicht mit dem Ausbreitungsgebiet
des mutmaßlich betroffenen Nervenastes identisch, nicht selten sind auch beide
Gesicht
shälften betroffen. Es sind keine deutlichen Triggermechanismen
(= Auslösemechanismen)
vorhanden, weshalb auch Triggerzonen meist fehlen.
Überwiegend klagen die
Patienten mit einem atypischen
Gesich
tschmerz
über
Dauerschmerzen bzw. länger
anhaltende Schmerzsensationen, die sich aber auch anfallsartig verstärken
können. Manchmal liegen beim atypischen
Gesichtschmerz (chronischer) psychische Überlagerungen
vor (z.B. depressive Verstimmung, psychovegetative Labilität, neurotische
Verhaltensstörungen).
Oft ist die körperliche Untersuchung völlig
unauffällig. Teilweise sind die korrespondierenden NAP
(= Nervenaustrittspunkte)
(Foramen supraorbitale, infraorbitale und mentale) druckdolent
(= druckschmerzhaft).
Die Beschreibung
der
Schmerz
qualität ist uneinheitlich, teilweise wird brennend angegeben,
teilweise dumpf und drückend.
Zur Therapie beim atypischen
Gesich
tschmerz
(chronischer, idiopathischer) können wie bei der id
iopathischen
Trigeminusneuralgie
Antikonvulsiva (= krampflösende
Mittel) (z.B.
Carbamazepin, Gabapentin, Pregabalin) versucht werden, allerdings fällt die Erfolgsquote geringer aus.
Ähnliches gilt für die Verordnung von Baclofen, auch in Kombination mit einem
Antikonvulsivum (=
eigentlich ein Mittel gegen die Fallsucht, aber auch gegen bestimmte
Schmerzen wirksam).
Aus unserer Sicht heraus sind bei einem atypischen
Gesichtschmerz
(chronischer) das Mittel der Wahl eher
Antidepressiva. Vereinzelt sprechen die
Beschwerden auf einfache Schmerzmittel wie ASS oder Paracetamol an.
Manchmal hilft
auch ein Gemisch aus Uridin- und Dinatriumsalzen (Keltican®).
Tri- oder
tetrazyklische
Antidepressiva eignen sich auch zur Prophylaxe
(= Vorbeugung)
bei einem episodenhaft auftretenden atypischen
Gesich
tschmerz.
Zufriedenstellend
wirksam ist die
therapeutische
Lokalanästhesie
(=
Behandlung mit einem
örtlichen Betäubungsmittel
bzw.
Lokalanästhetika)
(z.B. Bupivacain 0,25-0,5%).
Dabei werden 2-3 x täglich die betroffenen
Gesicht s
nerven an ihren
Austrittspunkten (Foramen supraorbitale, infraorbitale oder mentale) blockiert
und das dominante Schmerzareal flächenhaft infiltriert
(Leser
et
Hefermann 1989, Bad
Mergen
theim).
In hartnäckigen Fällen kann auch bei dieser Indikation die
engmaschig wiederholte Durchführung von Ganglion stellatum -Blockaden
(= Betäubungen einer vegetativen Schaltstelle
im seitlichen Halsbereich)
in engmaschiger Abfolge versucht werden, gleiches gilt für das Ganglion
cervicale superius
(vegetativen Schaltstelle im
Gaumen
bereich),
bei diesem wird aber statt einem
Lokalanästhetikum
(=
örtliche Betäubungsmittel)
z.B. Buprenorphin verwendet.
Physikalische Therapiemaßnahmen
wie Wärme- oder Kälteapplikation, aber auch transkutane Nervenstimulationen
können beim atypischen
Gesich
tschmerz
(chronischer, primärer) zur Linderung beitragen.
Operative
Verfahren ((Elektrokoagulation (=
elektrische „Verkochung“)
des Gangl ion
Gasseri oder Thermokoagulation)) sollten nur dann in Erwägung
gezogen werden, wenn höhergradige psychische Überlagerungen auszuschließen sind.
Psychologische
Interventionen beim atypischen
Gesichtschmerz (chronischer): Hauptsächlich Entspannungstechniken,
Schmerzbewältigung.
Intermedius-Neuralgie:
Dieser
Gesich
tschmerz (primärer,
essentieller) ist gekennzeichnet durch streng einseitige, attackenförmig lanzierende
Schmerzen im Bereich des äußeren Gehörgangs mit Ausstrahlung in die Tiefe des
Ohr es, zum
Gesicht, bis hin zum
Gaumen dach und
Oberkiefer. Häufig strahlen die
Beschwerden auch nach dorsal bis zum
Nacken
aus. Oft gesellt sich eine
Hypersekretion (= Überfunktion)
der Speicheldrüsen dazu.
Neben der id
iopathischen gibt es auch eine
sym
ptomatische (= als
Krankheitsfolge)
Form bei Zost erinfektion des Gangl ion
geniculi, wobei auch eine
Fazialisparese (= Gesichts
muskel lähmung)
auftritt.
Die Therapie der Wahl besteht bei der
Intermediusneuralgie in der Verordnung von Antikonvulsiva
(= Mittel gegen das Krampfleiden)
(Carbamazepin, Gabapentin oder
Pregabalin).
Erfolgversprechend ist auch eine
Serie von Stellatumblockade
n (=
Betäubung einer vegetativen Schaltstelle im seitlichen Halsbereich) oder
auch Blockaden des Gangl ion cerv icale super ius (=
vegetative Schaltstelle im
Rachen).
Glossopharyngeus-Neuralgie:
Dieser
Gesichtschmerz
ist gekennzeichnet durch streng einseitige paroxysmal
(= anfallsartig)
einschießende, heftige Schmerzsensationen, die vorwiegend im Bereich des
Rachen
s, des weichen
Gaumen
s und des
Zunge
ngrundes auftreten, manchmal auch mit
Ausstrahlung zum
Ohr hin oder in die
Zähne.
Eine weitere Ähnlichkeit mit der
Trigeminusneuralgie besteht darin, daß oft Triggermechanismen
(= mechanische Schmerzauslösung z.B. bei bestimmten
Mund
bewegungen)
im
Schmerzbereich vorliegen.
Die Diagnose ist einfach, wenn durch Spateldruck in
der Tonsillenregion (= Mandelregion)
eine typischer
Schmerzanfall ausgelöst werden kann. Teilweise geben die
Patienten an, daß auch durch Gähnen oder ausgedehnte Zungenbewegungen Attacken
ausgelöst werden können.
Synkopen
(=
kurze Bewußtlosigkeit)
und Herzstillstände sind beschrieben, dürften jedoch äußerst selten sein.
Manchmal strahlen die Beschwerden zum Mastoid
(=
Knochen
hinter dem
Ohr)
aus, was zur Verwechslung mit der
In
termedius-Neu
ralgie
führen kann. Wie bei
der Trigeminusneuralg ie kommen auch schmerzfreie Intervalle vor.
Therapeutisch gilt bei der
Glossopharyngeusneuralgie als Mittel der Wahl wieder Carbamazepin,
einschleichend bis 1500mg/d, oder besser noch Gabapentin bzw.
Pregabalin.
Hilfreich, vor allem wenn die
Attacken nicht so häufig auftreten, ist auch eine Oberflächenanästhesie im
hinteren
Rachenbereich mit 2%igem Xylocain®
(= ein mittellang wirkendes örtliches
Betäubungsmittel)
in Sprayform. Mittels des langen und dünnen Auslaßröhrchens können die einzelnen
Hübe ziemlich genau in den Triggerbereichen plaziert werden. Der Patient kann
die Anwendung ohne weiteres vor dem Spiegel erlernen. Bei einer solchen
Selbstmedikation muß wegen der Gefahr der Überdosierung die Anzahl der
Einzelhübe und der möglichen Gesamthübe eines ganzen Tages vorgeschrieben
werden. Da gerade im Schleimhautbereich mit einer raschen und zuverlässigen
Resorption gerechnet werden muß, ist diese Unterweisung besonders sorgfältig
durchzuführen.
Bei diesem
Gesich
tschmerz
(primärer) kann auch eine wiederholte
Infiltrationsanästhesie mit Bupivacain 0,5%
(= langwirkendes örtliches Betäubungsmittel)
versucht werden. Der Einstich erfolgt am oberen bzw. ventralen Rand des
vorderen Gaumenbogens, ca. 1-2cm neben der Medianlinie. Die Schwierigkeit dieser
Injektion besteht darin, daß die Glossopharyngeusneuralg ie insgesamt recht
selten auftritt und deshalb Übung in der Handhabung dieser Injektionstechnik
selten erreicht wird. Außerdem ist die Injektionsbehandlung für den betroffenen
Patienten in der Regel so schmerzhaft, daß sie nicht wie bei der
Trigeminusneuralgie über 10-14 Tage hinweg 2x täglich durchgeführt werden kann.
Eine gute
Therapiemöglichkeit bietet die Blockade des
Ganglion stellatum
(= eine Schaltstelle des unwillkürlichen Nervensystems im
seitlichen Halsbereich) oder auch des Gangl ion
cervicale superius
(= eine Schaltstelle des unwillkürlichen Nervensystems im Rach enbereich).
Die wiederholte Instillation
von Procain, wie sie auch in neueren Veröffentlichungen noch propagiert wird,
muß zugunsten der langwirkenden Lokalanästhetika aufgegeben werden.
Vor
neurolytischen (= nervenzerstörenden)
Blockaden ist wegen der Gefahr der Nekrosebildung
(= örtlicher Gewebstod)
und nachfolgender Infektion dringend zu warnen. Nach Janetta (1967)
können die neuralgischen Beschwerden durch eine Kompression des
Nerven
durch die
A. vertebralis (= Schlagader an der
Wir
belsäule)
entstehen, wobei sich eine operative Dekompression anbietet.
Laryngeus-superior-Neuralgie:
Dieser
Gesichtschmerz
ist gekennzeichnet durch heftige, attackenförmige Beschwerden, die in der Regel
sekundenlang (bis zu 2 Min) anhalten.
Die Beschwerden werden hauptsächlich im
seitlichen Kehl
kopf
bereich verspürt, nicht selten aber dominieren die
Ausstrahlungen zum
Unterkiefer
(Kiefer
winkel) bis zum
Ohr
läppchen oder
Gaumen
und geben dann zur Verwechslung mit der
Glossopharyngeus-Neuralgie Anlaß. Es
bilden sich typische Triggermechanismen
(= Auslösemechanismen)
wie Schlucken, Sprechen, Husten oder starkes Gähnen aus.
Wie bei der Trigeminusneuralg ie sind im Langzeitverlauf auch schmerzfreie Intervalle
möglich. Die Beschwerden treten streng einseitig auf. Der Nerv entstammt dem N.
vagus (= ein sog. Hirnnerv).
Er tritt seitlich durch die Membrana thyroidea hindurch, wo er einer örtlichen
Betäubung mit einem
Lokalanästhetikum
(=
örtliche Betäubungsmittel)
zugänglich ist. In hartnäckigen Fällen
wird man sich zu Stellatumblockade
n
(= Betäubung einer vegetativen Schaltstelle im seitlichen Halsbereich)
entschließen. Ansonsten gilt als Mittel der Wahl ebenfalls Carbamazepin.
Gabapentin oder
Pregabalin
helfen öfters besser, sind aber auch teurer.
Cluster-Kopfschmerz - ähnliche Schmerzsyndrome
Neuralgie des Ganglion
pterygopalatinum
(Sluder-Neuralgie):
Dieser
Gesich
tschmerz
ist charakterisiert durch längerdauernde Attacken (bis zu 20 min, selten länger)
die sowohl am Tage als auch in der Nacht auftreten können.
Betroffen ist
einseitig die Orbita (= Augenhöhle),
der innere Augenwinkel und die
Nase
nwurzel, oft mit Ausstrahlungen zum
Oberkiefer,
Rachen
und
Ohr.
Als charakteristisch gilt ein anfallsartiger
heftiger Niesreiz (Soyka 1989). Wie bei der Cluster-
Neuralgie tritt
häufiger Tränen- und
Nase
nfluß auf.
Oftmals läßt sich das Schmerzbild als
Cluster-Kopfschmerzen und
Zervikal-Syndrom
auflösen, so daß die Sl uder-
Neuralgie als eigenständiges Syndrom umstritten ist (Thoden 1987).
Nasociliaris-Neuralg
ie
(Charlin-Syndrom):
Der Nervus nasociliaris ist
ein sensibler Ast des N. ophthalmicus, der mit seinem Endast (N.
infratrochlearis) die Unterlidschleimhaut sensibel versorgt.
Der einseitig
auftretende
Gesich
tschmerz (primärer) ist gekennzeichnet durch unterschiedlich lang
anhaltende
Schmerzattacken
im Bereich des inneren Augenwinkels mit regelmäßiger
Ausstrahlung zur Orbita (= Augenhöhle)
und zum
Nase
n
rücken. Während des
Schmerzanfall
s kommt es oft zu einer Rötung und verstärkten Schweißsekretion im Bereich der
schmerzseitigen
Stirn
hälfte.
Triggermechanismen
(= mechanische Schmerzauslösung z.B. bei bestimmten
Mund
bewegung
en) sind beschrieben. Am Auge können entzündliche Veränderungen
vorhanden sein.
Die Therapie bei diesen
Schmerzen orientiert sich an
der des
Cluster-Kopfschmerzes. Besonders zu empfehlen ist die intranasale (= in die Nas e)
Oberflächenanästhesie mit z.B. Xylocain-Spray®2%
(= ein mittellang wirkendes örtliches
Betäubungsmittel).
Hilfreich sind oft auch Infiltrationen im Gebiet des Gangl ion
ciliare mit einem
langwirkenden Lokalanästhetikum oder
Stel latumblockaden
(= Betäubungen einer vegetativen Schaltstelle
im seitlichen Halsbereich).
Neck-Tongue-Syndrom (Nacken-Zungen-Syndrom):
Der Vollständigkeit halber
muß unter "Gesichtschmerz" auch dieses Schmerzbild aufgeführt
werden (Schmerz im
Nacken
und in der
Zunge).
2) Sekundärer (symptomatischer) Gesichtschmerz
Chronischer, sekundärer
Gesichtschmerz
mit intrakranieller
(= innerhalb des Schädels liegender)
Ursache:
Nach Thoden (1987) sind 5% aller paroxysmalen Schmerzen
im Trigeminus-Bereich auf einen Tumor, hauptsächlich im Bereich der
Felsenbeinspitze zurückzuführen. Aber auch ein Kleinhirnbrückenwinkeltumor oder
ein Aneurysma
(= umschriebene, krankhafte Wandausbuchtung eines Blutgefäßes)
der A. carotis interna
(= innere Halsschlagader)
im infraklinoidalen Bereich
(= im oberen Verlauf)
kann eine "idiopat hische" Trigeminusneuralg ie
auslösen. Darüber hinaus ist bekannt, daß ständiger mechanischer Druck auf die
Trigeminuswurzel, z.B. durch eine Gefäßschlinge, paroxysmale
(= attackenförmige) Schmerz en
auslösen kann, aber nicht muß, denn bei Obduktionen
(= Leichenschau)
wurden entsprechende Befunde erhoben, ohne daß die Patienten zu Lebzeiten an
einer
Trigeminus-Neuralgie gelitten hätten.
Die Therapie bei diesem
Gesich
tschmerz
(sekundärer) richtet sich logischerweise nach dem Grundleiden. Bei
Wurzelkompression bzw.
Nervenwurzelkompression durch ein Blutgefäß ist die Operationsmethode nach Janetta
(1967) meist erfolgreich. Präoperativ ist die Diagnose einer gefäßbedingten
Wurzelkompression durch NMR
(= Magnetresonanz)-Tomographie möglich. Bei persistierenden
(= bleibenden)
Beschwerden
ist das Mittel der Wahl wieder Carbamazepin oder Gabapentin bzw. Pregabalin.
Selten tritt ein atypischer
Gesich
tschmerz, also länger anhaltende Schmerzzustände bis hin zu
Dauerschmerz,
nach einem apoplektischen Insult
(= Schlaganfall)
auf. Daß es sich dabei nicht unbedingt um einen
Thalamusschmerz handeln
muß, beweist die Tatsache, daß teilweise die Schmerz
en auf eine Behandlung mit
Lokalanästhetika
(=
örtliche
Betäubungsmittel)
ansprechen. Die Wirkung von Antikonvulsiva
(= krampflösende Mittel)
ist insgesamt unbefriedigend.
Chronischer,
symptomatischer
Gesichtschmerz
mit extrakranieller
(= außerhalb des Schädels liegender)
Ursache:
Eine Vielzahl möglicher Ursachen kann zu diesem
Gesich
tschmerz
(sekundärer)
führen: traumatische (=
verletzungsbedingte)
und entzündliche Prozesse, Affektionen
(= Erkrankungen)
im Bereich der
Nasennebenhöhlen,
Zahn
-
und
Kiefer
affektionen, Fehlfunktionen der
Kiefergelenk
e, aber auch Affektionen
in der Augenhöhle (z.B. Glaukom). Das Schmerzbild entspricht in der Regel
einem atypischen
Gesich
tschmerz.
Primär muß die Ursache therapiert
werden, dennoch persistiert häufig ein
Gesichtschmerz, so daß dann die
Therapiemaßnahmen zur Behandlung des primären atypischen
Gesich
tschmerz
es
versucht werden können.
Fehlfunktionen des Kiefergelenkes werden zu häufig als
Ursachen von Schmerzen im Temporalbereich
(=
Schläfe)
und im lateralen
Oberkiefer
diagnostiziert. Die veraltete Bezeichnung "Costen-Syndrom" wird zunehmend durch den Begriff "Myofaziale
Dysfunktion"
ersetzt. Häufig kauen die Patienten nur einseitig. Oft finden sich bei der
Auskultation (= Abhorchen)
beider
Kiefergelenke unterschiedliche Okklusionsgeräusche
(= Verschlußgeräusche).
Die
Kiefer
orthopäden verordnen häufig Aufbißschienen.
Schmerztherapeutisch
bewährt hat sich die wiederholte Infiltration der Kau
muskulatur
mit einem langwirkenden
Lokalanästhetikum
(=
örtliche Betäubungsmittel),
ebenso die Infiltration der korrespondierenden
Nerven
austrittpunkte im
Gesicht
sbereich. Vor allem in Hinblick auf ein mögliches
Rezidiv (= Rückfall)
ist EMG-Biofeedback (=
Registrierung und Rückmeldung
elektrischer Signale aus der
Muskulatur)
zu empfehlen.
Symptomatischer
Gesichtschmerz bei systemischen Erkrankungen:
Bei ca. 8-15% aller Patienten mit
multipler
Sklerose tritt im Verlauf
der Erkrankung ein
Gesich
tschmerz auf, der wie eine idiopat hische
Trigeminusneuralg ie imponiert.
Zur Therapie ist zunächst Carbamazepin (oder Gabapentin bzw.
Pregabalin)
das
Mittel der Wahl. Nach unserer Erfahrung sprechen diese paroxysmalen Trigeminusat tacken auch sehr gut auf die Behandlung mit Lokalanästhetika an.
Seltener tritt ein
Gesichtschmerz (sekundärer) im Rahmen einer Polyneuropathie
(Diabetes mellitus, alkoholtoxisch) auf. In der Regel imponieren die Beschwerden
wie beim atypischen
Gesich
tschmerz. Meist ist mit Lokalanästhetika ein zufriedenstellendes Behandlungsergebnis zu erzielen.
Entzündlich bedingter, symptomatischer Gesichtschmerz
Schmerzzustände nach Herpes zoster
(Gütelrose):
Die so genannte
postherpetische
Neuralgie oder
postzosterische Neuralgie
(PZN) kann im
Bereich aller 3 Trigeminusäste auftreten und einen
Gesich
tschmerz
verursachen, bevorzugt jedoch im 1. Ast.
Die Patienten klagen in der Regel über
einen stechenden, brennenden und bohrenden
Dauerschmerz mit unterschiedlicher
Intensität im Tagesverlauf. Meist bestehen im betroffenen Nervenbereich
Hypästhesien- und
Dysästhesien (= verminderte und
schmerzhafte Empfindungen).
Fast regelmäßig finden sich die typischen narbigen Abheilungen.
Weitere
Herpes zoster-Erkrankung
en im
Kopf /
Gesichtsbereich:
Zoster ophthalmicus
und
Zoster oticus.
Die Therapie ist
wie auch bei einer
Zoster-Neuralgie in anderen Körperbereichen schwierig.
Antikonvulsiva (= krampflösende
Mittel) wirken in
der Regel nicht oder ungenügend. Deutlicher wirksam ist wie beim atypischen
Gesichtschmerz die Verordnung von
Antidepressiva zur
Schmerzdistanzierung, evtl.
in Kombination mit Levomepromazin (Neurocil®).
Die beste therapeutische
Wirksamkeit haben wir bei diesem
Gesich
tschmerz mit der Anwendung langwirkender Lokalanästhetika (z.B. Bupivacain)
(= örtliches Betäubungsmittel)
gesehen. Die Therapie entspricht der des atypischen Gesichtsschmerzes, wobei die
flächenhafte Infiltration intensiver erfolgt. Bei Befall des ersten
Trigeminusastes hat sich besonders die kontinuierliche Blockade des Nervus
supraorbitalis am Foramen supraorbitale mit Katheter bewährt. In manchen Fällen
bringt die oberflächliche Behandlung mit einem Lokalanästhetikum-Spray (z.B.
Xylocain® 2%) oder mit ASS in Äther gelöst vorübergehend eine zufriedenstellende
Schmerzlinderung. Diese Methode hat den Vorteil, daß der Patient sie auch zu
Hause selbst anwenden kann, unter Beachtung der Höchstdosierung.
Hilfreich kann
auch eine oberflächliche Kältebehandlung mit einem trockenen, kalten Luftstrom
sein (z.B. Kondensationsdampf aus flüssigem Stickstoff oder elektrisches
Kälteaggregat). Auch die
Intermed
ius-Neuralgie
kann durch eine
Zoster-Infektion des Gangl ion
geniculi hervorgerufen werden. Im Gegensatz zum
Gesich
tschmerz
nach
Gürtelrose trifft diese Erkrankung vorwiegend Jüngere.
Bei der
Intermediusneuralgie nach
Herpes zoster scheint der paroxysmale
(= attackenförmige)
Schmerzcharakter abgeschwächt zu sein, zugunsten länger anhaltender, eher
atypischen Gesichtschmerzepisoden.
Auriculotemporalis-Syndrom:
Dieser Nerv gelangt zwischen
Kiefergelenk und Meatus acusticus unter die Parotis
(=
Ohr
speicheldrüse),
wo er sich aufzweigt. Das Schmerzbild ist charakterisiert durch anfallsartig
auftretende
brennende Schmerzen prä- und periaurikulär
(= vor und um das
Ohr herum),
vor allem an der
Schläfe.
Der Patient verspürt im betroffenen
Gesichtsbereich ein Wärme-
oder Spannungsgefühl. Diagnostisch richtungsweisend ist eine Hautrötung und
Hyperhidrose (= vermehrtes Schwitzen)
im korrespondierenden Hautbereich. In der Regel liegt anamnestisch
(= in der Vorgeschichte)
eine Parotiserkrankung (= Erkrankung
der Ohrspeicheldrüse)
vor, meist entzündlicher Natur. Auch Verletzungen der Parotis sollen zu diesem
Gesichtschmerz führen können (Thoden 1987).
Zur Therapie eignen
sich bei diesem
Gesich
tschmerz
besonders wiederholte Blockaden des Nervus mandibularis durch die Incisura
mandibulae (=
Einbuchtung des
Unterkiefer
s nahe am
Kiefergelenk)
hindurch (in der Fossa pterygopalatina; der N. auriculotemporalis ist ein Ast
des N. mandibularis und zweigt distal der Fossa ab) sowie flächenhafte
Infiltrationen im Ausbreitungsgebiet. In hartnäckigen Fällen sind
Stellatumblockade
n (= Blockaden
einer vegetativen Schaltstelle im seitlichen Halsbereich)
zu empfehlen. Ist das Schmerzbild mehr atypischer Natur (nicht ausgesprochen
attackenförmig), können auch schmerzdistanzierende
Antidepressiva versucht
werden.
Anatomisch bedingter, symptomatischer Gesichtschmerz
Processus-styloideus-Syndrom (Eagle-Syndrom):
Das Schmerzbild ist
gekennzeichnet durch einen länger anhaltenden bohrenden und drückenden halbseitigen
Gesich
tschmerz, der oft mit seitengleichen
Kopfschmerzen vergesellschaftet
ist. Als mögliche Ursachen gelten ein verlängerter Processus styloideus oder
auch eine
Insertionstendopathie (=
Sehnenerkrankung an ihrem Ansatz).
Therapeutisch
kann die Spitze des Processus styloideus
(= verlängerter
Knochen hinter dem
Ohr)
operativ entfernt werden. Bei
Insertionstendopathien
(= Störungen am Sehnenansatz)
können wiederholte
Infiltrationen mit einem Lokalanästhetikum, auch mit Kortikoidzusatz hilfreich
sein.
Kardial (= das Herz betreffend) bedingter, sekundärer Gesichtschmerz
Bei einem linksseitigen, atypischen
Gesichtschmerz im Bereich des N. mandibularis sollte immer eine
internistische Untersuchung erfolgen, unter besonderer Berücksichtigung der
koronaren (= die
Herzkranzgefäße
betreffende)
Durchblutungssituation. Meist besteht bereits eine entsprechende Medikation
(= Medikamenteneinnahme).
Nach Optimierung derselben klingen die linksseitigen
Unterkieferschmerzen oft
prompt ab.
Iatrogener (= durch ärztliche Einwirkung entstandener), sekundärer Gesichtschmerz
Nach neurochirurgischen Interventionen wegen einem
Gesich
tschmerz
tritt in seltenen Fällen die gefürchtete Anaesthesia
dolorosa (= äußerst schmerzhafter
Sensibilitätsausfall)
auf. Diese kann auch noch Monate nach der Operation einsetzen.
Anfänglich
bestehen Mißempfindungen, die sich allmählich ins Unerträgliche steigern. Der
Schmerzcharakter wird von den betroffenen Patienten oft mit brennend und glühend
bezeichnet, manchmal auch als "rohes Fleisch" im
Gesicht. Dieser
heftigste chronische
Gesich
tschmerz ist leider äußerst therapieresistent. Meist kommt man um die
Verordnung von Betäubungsmitteln nicht herum.
Wenn ein Gesichtschmerz längerfristig besteht, so ist davon auszugehen, daß bereits ein Chronifizierungsgrad II oder III (Mainzer Stadieneinteilung) vorliegt. In diesen Fällen ist eine rein somatische (= körperliche) Behandlung kaum mehr ausreichend, sondern es müssen zusätzlich psychologisch /psychotherapeutische Interventionen erfolgen.
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Aktualisiert:
19.08.2006
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